120 Jahre Erstflug
Donnerstag, September 17th, 2009In diesen Sommermonaten ist (von vielen unbemerkt) gleich zwei mal “genullt” worden. Naheliegend, daß es sich hierbei um fliegende (bzw. technische) Jubilare drehen muss.
Während der 150. Geburtstag von Hugo Junkers (3. Februar 1859) schon bald wieder verjährt ist, gab es nun ein paar weitere besondere Ereignisse, die jeweils 60 Jahre zurückliegen.
Am 27. Juli 1949 startete zum ersten Mal in der Geschichte der Luftfahrt ein ziviles Verkehrsflugzeug mit Strahlturbinen und läutete damit eine neue Ära in der Fliegerei ein. Noch lange vor der Boeing 707, der DC 8 “und wie sie alle hießen”, stieg der erste Prototyp der de Havilland DH 106 Comet hinauf in den britischen Himmel.

Nach eingehenden Erprobungen nahm im Mai 1952 die British Overseas Airways Corporation (BOAC) als weltweit erste Gesellschaft den Liniendienst mit dem vierstrahligen, 36-sitzigen Tiefdecker auf.
Der Erfolg dieser neuartigen Entwicklung schien garantiert, doch schon bald zerplatzte dieser Traum im wahrsten Sinne des Wortes.
Zunächst kam es zu Unfällen wegen mangelhafter aerodynamischer Leistung in der Startphase. Nach Behebung dieser Probleme stürzten einige Zeit später mehrere Comet 1 aufgrund von Materialermüdung (als Folge von Fehlern im Fertigungsverfahren) ab. Sie zerplatzten durch den Innendruck in der Kabine in großen Flughöhen nach Bildung von Haarrissen und gingen dabei vollständig zu Bruch.
Verbesserte Varianten, die als Comet Mk. IV in den Varianten Comet 4, 4B und 4C gebaut und verkauft wurden, erwiesen sich schließlich als zuverlässig. Doch der zeitliche Verlust sowie die Rufschädigung, die aus den Unfällen resultierte, konnte durch die Konkurrenten bestens genutzt werden.
113 Exemplare dieses Typs wurden gebaut, darunter auch Versionen, die die britische Marine als Seeaufklärer bis weit in die Zukunft betreiben wird. Diese auf der Comet 4C basierenden Nimrods werden stetig modernisiert und auf dem neuesten Stand gehalten.
Nur noch wenige Exemplare sind von der zivilen Version erhalten geblieben. Auch in Deutschland ist eine Comet 4C ausgestellt, sie ist in der “Flugausstellung Leo Junior” in Hermeskeil/Hunsrück zu besichtigen.
Und die anderen 60 Jahre? Wer ist denn der andere Jubilar?
Er bzw. sie ist weniger schnell, mit zwei Sternmotoren angetrieben und eher militärischen Charakters. Und da sich dieses Fluggerät besonders um den Flugzeugbau in Finkenwerder verdient gemacht hat, werden wir einmal reichlich ausführlicher.
Die Rede ist von der Noratlas des Herstellers Nord Aviation (SNCAN), die am 10. September 1949 zu ihrem Erstflug in Frankreich startete.
Insgesamt wurden von allen Versionen in Frankreich und in Deutschland (HFB) 425 Maschinen gebaut.
Abnehmer waren neben Frankreich und Deutschland auch Israel, Brasilien, Griechenland, die VR Kongo, Niger, Nigeria und Honduras.
Die Luftwaffe setzte die Nora bei den Lufttransportgeschwadern 61, 62 und 63 zum Transport von Material und Soldaten sowie zum Absetzen von Fallschirmjägern ein. Ebenfalls wurde dieses Flugzeug im Rahmen von humanitären Hilfseinsätzen verwendet.
Für Hamburg ist dieser Flieger aus verschiedenen Perspektiven bedeutend. Hierbei handelt es sich um den ersten Deutschen Neubau eines Flugzeugs in dieser Größenordnung nach dem zweiten Weltkrieg - wenngleich es ein Lizenzbau war. Hinzu kam, daß schon damals eine Deutsch-französische Kooperation gegründet wurde, deren Auswirkungen beim Blick auf Finkenwerder und Toulouse deutlich sichtbar werden. Und nicht zuletzt gründeten sich die handwerklichen Fähigkeiten im Flugzeugbau auf dieser neuen Phase, nachdem in der Nachkriegszeit zunächst alles in Trümmern lag und nach dem 2. WK kaum noch Fachpersonal vorhanden war.
Und was ist heute aus den vielen Noras geworden? Die Mehrzahl wurde verschrottet, einige wenige sind verunfallt, und wiederum andere Maschinen stehen teils sehr traurig, teils bestens restauriert in Ausstellungen und Sammlungen zur Besichtigung frei.

D-ACUT in Hermeskeil
In der oben erwähnten “Flugausstellung Leo Junior” in Hermeskeil ist ein besonderes Exemplar ausgestellt. Es handelt sich dabei um eine Ex-Bundeswehr-Nora, die vom Betreiber “Elbeflug” im Jahr 1970 erworben wurde. Diese Gesellschaft hatte letzten Endes einen Wirtschaftsbetrug in großem Ausmaß als Geschäftsziel. Während man gigantische Gehälter an Eigentümer und Geschäftsführung ausschüttete, wurde der Frachtbetrieb niemals aufgenommen. Die Anleger verloren ihr Geld, während sich die Gesellschafter fürstlich entlohnten.
Insgesamt wurden (neben einigen DC6) 13 Noratlas erworben und zum Teil zu Frachtmaschinen umgebaut. Es wurden noch nicht einmal alle Maschinen umlackiert und keine erhielt jemals die Betriebsgenehmigung für Frachtflüge. Im Jahre 1972 wurde die Gesellschaft für Bankrott erklärt.
Damit ist die Geschichte der Noratlas jedoch noch nicht gänzlich geschrieben.
In Frankreich wurde Mitte der neunziger Jahre die Baunummer 105 von Flugzeugliebhabern flugtauglich restauriert. Sie ist die weltweit einzig flugfähig erhaltene Noratlas! Die Vereinigung “Noratlas de Provence” betreibt dieses Projekt in der Nähe von Marseille auf dem Gelände des Flughafens Marignan und setzt sie von dort aus zu Traditionsfügen und auf Flugveranstaltungen ein.
Erst im Jahr 2007 war sie in Hamburg auf den Airportdays zu bewundern.
Und was macht man mit einem solchen Jubiliar, wenn man schon einmal auf der Ecke ist? Man stattet ihm natürlich einen Besuch ab.
Einen Tag vor dem 60. Jahrestag hatte ich die Gelegenheit, die Nora in ihrem Nest zu besuchen und einmal die Umstände kennen zu lernen, unter denen am Mittelmeer dieses Flugzeug am Leben gehalten wird.
Herzlich empfangen von Gerard Marcheal wurde ich zum Flugzeug begleitet, das bereits von aussen durch den Zaun des Flughafengeländes zu sehen war. Natürlich an das Gute auf diesem Planeten glaubend dachte ich daran, man hätte sie aufgrund der häufigen Einsätze in diesen Tagen schon mal vor die Tore geschoben. Doch leider weit gefehlt - denn die Nora hat unerwartet ihren warmen und schützenden Hallenplatz verloren. Im Frühjahr dieses Jahres wurde die Gesellschaft aufgefordert, den Hangar zu räumen, da die Baufälligkeit dieses Gebäudes eine sichere Nutzung nicht mehr zuließe.
Und nun steht sie zusammen mit allen Bodengeräten, Containern, und Gerüsten etwa 500 Meter entfernt von der salzigen Mittelmeerbrandung. Suboptimal!
Gegenwärtig ist man bemüht, Sponsoren für die Wiederherstellung der Bausicherheit des Bauwerkes zu gewinnen, damit die Nora schnellstmöglich wieder geschützt untergebracht werden kann. Gedanklich fiebern wir mit - wissen wir doch, wie es ist, wenn man mit seinem Flugzeug immer irgendwie mit einem Fuß vor der Tür steht.
Gerard gewährte Zutritt zum Flugzeug und - was soll man sagen, dieses Ungetüm hat ohne Getümmel auf einem Flugtag, dafür aber in der sengenden carmarguaisischen Sonne und in Ruhe und einer gewissen Einsamkeit eine ganz besondere Wirkung und Ausstrahlung.
Und wenn bei einem gemeinsamen Gespräch im Cockpit ein ehemaliger Noratlas-Pilot (Gerard flog 7 Jahre lang eine Noratlas) davon berichtet, wie er Fallschirmjäger in Algerien absetzte und in dieser Zeit viele Flüge in der Wüste durchführte, dann wird Geschichte lebendig.
Hier folgen nun ein paar Aufnahmen aus dem September 2009 anlässlich des Besuchs in der Provence:

Der Flughafen nahe der Stadt Marseille

Nora und ihr bisheriges Nest - die nun baufällige Halle

schöne Farben - schönes Leitwerk

die markante grüne Nase

Nora, das Wüstenschiff

Die 105 ist schon reichlich über 50 Jahre alt

Schutzhauben über dem Hauptfahrwerk

Die Halle im Hintergrund scheint ihre Flügel auszubreiten

Ein einmaliger Anblick

Einen Tag nach der Besichtigung ging Nora wieder auf Tour…

…Luftlinie ca 10 km!

Typenschildgalerie der alten Dame

Schöne Aussicht

Was für ein Arbeitsplatz…

…noch ganz ohne Bildschirme!



Gerard berichtet aus alten Zeiten

Der Arbeitsplatz des Funkers - noch mit Morsetaste

“Kofferraum”

Bodengeräte mit eindeutiger Markierung

Mit allem, was dazugehört sitzt man nun im Freien

In Containern lagern die Ersatzteile, in Bürocontainern arbeitet man so gut es geht.

Und es geht gut! Gerard bei der Arbeit im Container-HQ

Eindeutige Belege für die innige Freundschaft zwischen unserem LTG 63 und der Nora-Truppe

Diese Nora kennen wir doch - es ist die Maschine, die auf dem Gelände der Hugo Junkers Kaserne in Hohn (LTG 63) abgestellt ist. Auch hierüber haben wir schon berichtet und an ihr schon restaurierende Hände angelegt.

Noch ein seltenes Relikt aus alten Zeiten, eine Dassault Mercure

Doch sie hat es leider schon hinter sich…

…genau wie diese Caravelle, die der Feuerwehr als Übungsgerät dient.

Nora im Spiegelbild der gesperrten Halle

Nicht gut

Vielen Dank, Gerard für diese Einblicke und bis bald - in Hamburg, oder Marseille oder wo auch immer eine ausreichend lange Piste zur Verfügung steht…
Und eines Tages fliegen wir vielleicht einmal Seite an Seite…
EG
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Nachtrag von Christoph:
Die Geschichte der Comet / Nimrod ist aber noch nicht zuende - es werden noch neue gebaut, und zwar die Nimrod MRA.4 !
Kennungen der MRA4:
ZJ514 ex XV251 c/n PA-04
ZJ515 ex XV258 c/n PA-05
ZJ516 ex XV247 c/n PA-01
ZJ517 ex XV242 c/n PA-03
ZJ518 ex XV234 c/n PA-02
ZJ519 ex XV284 c/n PA-06
ZJ520 ex XV233 c/n PA-07
ZJ521 ex XV227 c/n PA-08
ZJ522 ex XV245 c/n PA-09
ZJ523 ex XV228 c/n PA-10
ZJ524 ex XV243 c/n PA-11
ZJ525 ex XV246 c/n PA-12
Zwar sollten das ursprünglich 21 Neubauten werden, die eigentlich auch schon lange im Einsatz hätten stehen sollen - und auch nicht 5.5 Milliarden kosten sollen :-O
Andererseits ist es schön, einen Klassiker der Luftfahrt weiterhin in der Luft zu wissen!
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Damit gehört dieses Flugzeug in seiner Art zu den längsten, in Produktion befindlichen Flugzeugmustern.

